Relative Stärke bei Futures: Starke und schwache Märkte systematisch vergleichen.
Relative Stärke hilft dabei, nicht nur die Richtung eines einzelnen Futures zu betrachten, sondern sein Verhalten in Relation zu anderen Märkten einzuordnen. Dadurch kann sichtbar werden, welche Märkte innerhalb einer sinnvollen Vergleichsgruppe besonders robust oder auffällig schwach reagieren. Wichtig: Gemeint ist hier nicht der RSI, sondern der direkte Vergleich von Marktverhalten und Performance.
Was bedeutet Relative Stärke im Futures Trading?
Relative Stärke beschreibt in diesem Zusammenhang, wie sich ein Markt gegenüber einem oder mehreren anderen Märkten verhält. Statt einen Chart isoliert zu betrachten, wird gefragt, welcher Future innerhalb eines definierten Zeitraums die stärkere beziehungsweise schwächere Entwicklung zeigt.
Ein Markt muss dafür nicht zwingend steigen. Fällt beispielsweise eine gesamte Vergleichsgruppe, kann der Future mit dem geringsten Rückgang relative Stärke zeigen. Umgekehrt kann ein steigender Markt relativ schwach sein, wenn vergleichbare Märkte deutlich stärker zulegen.
Relative Stärke beantwortet nicht nur „Steigt oder fällt dieser Markt?“, sondern vor allem: „Wie verhält er sich im Vergleich zu anderen relevanten Märkten?“
Relative Stärke ist nicht dasselbe wie der Relative Strength Index RSI
Die Begriffe werden häufig verwechselt, behandeln jedoch unterschiedliche Fragen. Der Relative Strength Index, kurz RSI, ist ein Momentum-Oszillator. Er bewertet Aufwärts- und Abwärtsbewegungen desselben Instruments und verdichtet sie zu einem Indikatorwert.
Die hier behandelte Relative Stärke vergleicht dagegen Märkte miteinander. Es wird beispielsweise untersucht, welcher Markt innerhalb einer Vergleichsgruppe stärker steigt, weniger stark fällt oder eine technische Schwäche früher beziehungsweise später entwickelt.
Ein hoher oder niedriger RSI ist deshalb kein Maß dafür, ob ein Future gegenüber einem anderen Future relativ stark ist. Beide Informationen können gemeinsam betrachtet werden, dürfen analytisch aber nicht gleichgesetzt werden.
Warum Relative Stärke besonders bei einem großen Marktuniversum nützlich ist
Wer viele Futures beobachtet, steht regelmäßig vor demselben Problem: Mehrere Märkte zeigen gleichzeitig technisch interessante Strukturen, aber nicht jeder Kandidat besitzt dieselbe Qualität. Ein direkter Vergleich kann helfen, Prioritäten zu setzen.
Zeigt ein Markt trotz eines schwachen Umfelds stabile Hochs und nur geringe Rücksetzer, kann das auf relative Robustheit hinweisen. Verliert ein anderer Future dagegen bereits deutlich an Boden, obwohl die Vergleichsgruppe noch stabil ist, fällt seine relative Schwäche auf.
Relative Stärke ist damit vor allem ein Filter für die Marktbeobachtung. Sie ersetzt weder Chartanalyse noch Tradeplanung, kann aber helfen, aus vielen grundsätzlich interessanten Märkten eine kleinere Arbeitsliste zu bilden.
Eine sinnvolle Vergleichsgruppe ist wichtiger als ein beliebiger Vergleich
Relative Stärke erhält erst durch die gewählte Vergleichsbasis Bedeutung. Ein Vergleich zweier wirtschaftlich völlig unterschiedlicher Märkte kann interessant sein, beantwortet jedoch nicht zwangsläufig eine brauchbare Handelsfrage.
Häufig ist es sinnvoller, Märkte mit einem nachvollziehbaren Zusammenhang gegenüberzustellen: Aktienindizes untereinander, Edelmetalle, Energiemärkte, Getreide oder andere Futures innerhalb eines gemeinsamen Themenbereichs. Auch ein breiteres Marktuniversum kann verglichen werden, wenn das Ziel lediglich darin besteht, starke und schwache Kandidaten für eine anschließende Analyse zu priorisieren.
Entscheidend ist, dass bereits vor dem Vergleich klar ist, was die Vergleichsgruppe aussagen soll.
Absolute Punkte sind für den Marktvergleich meist ungeeignet
Futures besitzen unterschiedliche Preisniveaus, Kontraktgrößen und Schwankungsprofile. Deshalb wäre es wenig sinnvoll, relative Stärke allein über die absolute Punkteveränderung zu beurteilen.
Eine Möglichkeit besteht darin, prozentuale Entwicklungen über einen identischen Zeitraum zu vergleichen. Eine andere Betrachtung kann das Verhältnis zweier normalisierter Kursreihen oder die Position innerhalb einer Rangliste sein. Welche Methode sinnvoll ist, hängt von der konkreten Fragestellung ab.
Für die Vorauswahl ist vor allem wichtig, dass alle betrachteten Märkte nach derselben Regel gemessen werden. Erst dadurch entsteht ein reproduzierbarer Vergleich statt einer subjektiven Einschätzung.
Ein Markt kann kurzfristig stark und langfristig trotzdem schwach sein
Relative Stärke hängt immer vom betrachteten Zeitraum ab. Ein Future kann innerhalb von zwei Handelstagen besonders dynamisch steigen, während er über mehrere Wochen weiterhin deutlich hinter seiner Vergleichsgruppe zurückliegt.
Deshalb sollte der Analysezeitraum zum geplanten Handelsstil passen. Für einen kurzfristigen Swing-Trade kann die jüngste Entwicklung wichtiger sein als eine mehrmonatige Rangfolge. Für den übergeordneten Kontext kann dagegen gerade dieser längere Zeitraum zusätzliche Informationen liefern.
Widersprechen sich kurz- und mittelfristige Stärke, ist das kein Fehler der Analyse. Es zeigt lediglich, dass auf verschiedenen Zeitebenen unterschiedliche Kräfte wirken.
Relative Stärke gewinnt durch einen klaren Trend an Aussagekraft
Ein Markt, der höhere Hochs und höhere Tiefs bildet und zugleich seine Vergleichsgruppe übertrifft, liefert einen anderen Kontext als ein Future, der lediglich an einem einzelnen Tag außergewöhnlich stark reagiert.
Marktstruktur hilft deshalb zu unterscheiden, ob relative Stärke kontinuierlich aufgebaut wurde oder nur aus einem kurzfristigen Ausschlag entstanden ist. Gerade bei einem Trendansatz kann es sinnvoll sein, Märkte zu priorisieren, deren Preisstruktur die beobachtete Stärke bestätigt.
Kommt es anschließend zu einem geordneten Rücksetzer, kann die Relative-Stärke-Analyse mit einem Pullback-Setup verbunden werden, ohne dass der Vergleich selbst bereits ein Einstieg ist.
Momentum zeigt, wie aggressiv sich Stärke oder Schwäche entwickelt
Relative Stärke und Momentum hängen häufig zusammen, sind aber nicht identisch. Ein Markt kann kurzfristig starkes Momentum besitzen, ohne über einen längeren Zeitraum zu den relativ stärksten Kandidaten zu gehören. Umgekehrt kann ein strukturell starker Markt für einige Tage an Dynamik verlieren.
Indikatoren wie MACD, Momentum, Volumen oder OBV können ergänzend zeigen, wie die aktuelle Bewegung zustande kommt. Auch der RSI kann hier als Momentumindikator zusätzliche Information liefern. Er ersetzt jedoch nicht den Vergleich zwischen verschiedenen Futures.
Die Kombination wird besonders interessant, wenn relative Stärke und zunehmende Dynamik gleichzeitig auftreten und die Chartstruktur diese Beobachtung unterstützt.
ATR verhindert, dass hohe Schwankung automatisch mit Stärke verwechselt wird
Ein besonders volatiler Future kann innerhalb kurzer Zeit große prozentuale Bewegungen zeigen. Das macht ihn jedoch nicht automatisch zum qualitativ stärkeren Markt. Hohe Dynamik kann ebenso Ausdruck erhöhten Risikos oder eines instabilen Marktregimes sein.
Die Average True Range hilft, die aktuelle Bewegung in Relation zum typischen Schwankungsverhalten des jeweiligen Instruments zu setzen. Dadurch lässt sich besser unterscheiden, ob ein Markt kontrolliert Stärke aufbaut oder lediglich außergewöhnlich große Ausschläge produziert.
Die ausführliche Einordnung dieser Bezugsgröße findest du unter ATR und Volatilität im Futures Trading.
Die stärksten Long- und schwächsten Short-Kandidaten zuerst prüfen
Eine Relative-Stärke-Rangfolge kann dabei helfen, die Analyse zu ordnen. Bei einer grundsätzlich bullischen Handelsidee liegt es nahe, zunächst jene Märkte zu untersuchen, die innerhalb ihrer Vergleichsgruppe besonders robust auftreten. Auf der Short-Seite können dagegen auffällig schwache Märkte interessant sein.
Diese Rangfolge ist keine Tradeempfehlung. Der stärkste Markt kann bereits weit gelaufen sein, direkt vor einem Widerstand stehen oder ein ungünstiges Chance-Risiko-Verhältnis besitzen. Ebenso kann ein schwacher Markt unmittelbar an einer relevanten Unterstützung liegen.
Die Rangliste bestimmt deshalb, wo zuerst analysiert wird, nicht wo automatisch gehandelt wird.
Relative Stärke wird besonders interessant, wenn das Marktumfeld dagegen arbeitet
Ein Future, der in einem allgemein freundlichen Umfeld steigt, verhält sich zunächst erwartungsgemäß. Interessanter kann ein Markt sein, der stabil bleibt oder zulegt, während vergleichbare Märkte bereits deutlich nachgeben.
Ebenso kann relative Schwäche auffallen, wenn eine gesamte Gruppe steigt, ein einzelner Markt jedoch kaum folgt oder frühzeitig neue Tiefs ausbildet. Solche Abweichungen liefern Hinweise darauf, wo Nachfrage beziehungsweise Angebotsdruck innerhalb der Vergleichsgruppe besonders ausgeprägt sein könnte.
Die Ursache muss anschließend trotzdem geprüft werden. Relative Stärke erklärt zunächst das beobachtete Verhalten, nicht automatisch den fundamentalen Grund dafür.
Technik, Positionierung und Saisonalität können den Vergleich ergänzen
Relative Stärke sollte nicht isoliert bewertet werden. Befindet sich ein relativ starker Markt gleichzeitig an einem langfristigen Widerstand, kann dies die Interpretation verändern. Ebenso können auffällige Volumen- oder Momentumwerte zusätzliche Hinweise liefern.
Bei Futures kann außerdem die Positionierung wichtiger Marktgruppen als übergeordneter Kontext betrachtet werden. Sie erklärt nicht unmittelbar die relative Stärke, kann aber zeigen, ob die technische Beobachtung mit einer ungewöhnlichen Positionierung zusammenfällt. Die Grundlagen dazu findest du im COT-Daten-Leitfaden.
Der entscheidende Vorteil entsteht durch mehrere voneinander unabhängige Informationen, nicht durch möglichst viele Indikatoren, die dieselbe Kursbewegung nur unterschiedlich darstellen.
Relative Stärke ist ein Auswahlkriterium – noch kein Einstiegssignal
Ein Markt kann über mehrere Tage der stärkste Kandidat einer Gruppe sein und trotzdem keinen sauberen Einstieg bieten. Wer ausschließlich aufgrund der Rangfolge kauft oder verkauft, verwechselt Marktauswahl mit Timing.
Erst eine konkrete Chartstruktur schafft einen planbaren Trade. Das kann beispielsweise ein Rücksetzer, die Rückeroberung eines Levels, eine Bestätigungskerze oder ein technisch sauberer Breakout sein.
Die Relative-Stärke-Analyse beantwortet also zunächst die Frage, welcher Markt genauer untersucht werden soll. Einstieg, Invalidierung und Ziel entstehen erst im nächsten Analyseschritt.
Dem stärksten Markt hinterherzulaufen kann gerade am Ende einer Bewegung teuer werden
Eine hohe relative Stärke kann dadurch entstehen, dass ein Markt bereits eine außergewöhnlich große Bewegung absolviert hat. Je weiter sich der Kurs von technisch sinnvollen Einstiegsbereichen entfernt, desto kritischer muss die Rangfolge interpretiert werden.
Der stärkste Kandidat ist deshalb nicht automatisch der beste Trade. Manchmal ist es sinnvoller, eine Konsolidierung oder einen Rücksetzer abzuwarten. In anderen Fällen ist die Bewegung bereits so überdehnt, dass eine kurzfristige Normalisierung wahrscheinlicher in den Mittelpunkt der Analyse rückt.
Wie sich eine solche Überdehnung von einem normalen Stärke-Signal unterscheidet, behandeln wir im Leitfaden Mean Reversion bei Futures.
Auch der relativ stärkste Markt braucht einen klaren Invalidierungspunkt
Relative Stärke senkt das Handelsrisiko nicht automatisch. Ein Markt kann innerhalb seiner Gruppe führend sein und dennoch abrupt drehen. Deshalb bleiben Stop, Positionsgröße und maximaler Verlust unabhängig von der Rangfolge unverzichtbar.
Der Stop sollte dort liegen, wo die konkrete Handelsannahme technisch ungültig wird. Gleichzeitig muss seine Distanz zum aktuellen Volatilitätsregime passen. Ist der sinnvolle Stop zu weit entfernt, wird die Positionsgröße angepasst oder der Trade ausgelassen.
Vor dem Einstieg wird außerdem geprüft, ob bis zum realistischen Ziel genügend freier Kursraum besteht. Relative Stärke allein kann ein ungünstiges Chance-Risiko-Verhältnis nicht kompensieren.
Tageschart und 4H-Chart können Auswahl und Timing voneinander trennen
Auf einer höheren Zeitebene kann zunächst geprüft werden, welche Futures innerhalb des betrachteten Universums relative Stärke oder Schwäche aufbauen. Eine niedrigere Zeitebene kann anschließend helfen, die konkrete Marktstruktur genauer zu beurteilen.
So kann der Tageschart beispielsweise die übergeordnete Rangfolge unterstützen, während der 4H-Chart zeigt, ob gerade ein sinnvoller Rücksetzer, eine Konsolidierung oder ein Trigger entsteht.
Mehrere Zeitebenen sollten dabei nicht verwendet werden, um nachträglich immer neue Bestätigungen zu suchen. Ihr Zweck ist die klare Trennung von Marktauswahl, Kontext und konkretem Einstieg.
Wie Relative Stärke in einen strukturierten Screening-Prozess passt
Bei einem großen Futures-Universum ist der entscheidende Vorteil eines Screenings die Priorisierung. Nicht jeder Markt soll gleichzeitig bis ins Detail analysiert werden. Stattdessen wird zunächst eine überschaubare Zahl auffälliger Kandidaten herausgefiltert.
Relative Stärke kann in diesem Prozess als zusätzlicher Qualitäts- und Vergleichsfaktor dienen. Sie beantwortet dabei nicht allein, ob ein Trade eingegangen werden soll, sondern hilft einzuordnen, welche Märkte innerhalb einer Gruppe zuerst Aufmerksamkeit verdienen.
Anschließend werden Marktstruktur, Trend, Volatilität, Momentum, relevante Levels und weitere Kontextdaten geprüft. Einen Überblick über diese Zusammenführung findest du im Futures-Marktscanner-Leitfaden.
Wie aus einer solchen Vorauswahl anschließend eine kleine Arbeitsliste und ein konkreter Tradeplan entsteht, zeigt der Praxisleitfaden für den Futures Marktscanner.
- Sinnvolle Vergleichsgruppe definieren.
- Einheitlichen Betrachtungszeitraum festlegen.
- Starke und schwache Märkte nach derselben Logik vergleichen.
- Trend und Marktstruktur als Qualitätsfilter einbeziehen.
- Momentum und Volatilität getrennt von der Rangfolge bewerten.
- Auf einen konkreten technischen Trigger warten.
- Stop, Ziel, Positionsgröße und CRV vor der Order festlegen.
Relative Stärke hilft bei der Auswahl – gehandelt wird erst das konkrete Setup
Relative Stärke bei Futures erweitert die Marktanalyse um eine wichtige Perspektive. Statt ausschließlich zu beurteilen, ob ein einzelner Markt steigt oder fällt, wird untersucht, wie er sich gegenüber anderen relevanten Märkten verhält.
Dadurch können robuste Long-Kandidaten und auffällig schwache Short-Kandidaten schneller sichtbar werden. Die Rangfolge bleibt jedoch nur der erste Filter. Marktstruktur, Trend, ATR, Momentum, technische Levels und ein sauberer Einstiegstrigger entscheiden anschließend, ob aus dem Kandidaten tatsächlich ein planbarer Trade entsteht.
Besonders wichtig bleibt die Abgrenzung zum RSI: Der RSI misst Momentum innerhalb eines Instruments. Relative Stärke im hier beschriebenen Sinn vergleicht dagegen mehrere Märkte miteinander.
Die stärkste Rangposition ist keine Kaufempfehlung und die schwächste keine automatische Short-Empfehlung. Relative Stärke verbessert die Auswahl – sie ersetzt nicht den Tradeplan.